Aufnahme der IABF in die Anarchistische Föderation

Der folgende Text von uns wurde zuerst in der [改道] Gâi Dào N° 98, der Zeitschrift der Anarchistischen Föderation, veröffentlicht. Diese könnt ihr entweder in verschiedenen Formaten online lesen und downloaden oder wenn ihr lieber etwas in der Hand haltet und uns unterstützen wollt auch gedruckt abonnieren. Bestimmt findet ihr sie auch im Infoladen eures Vertrauens. Der Text stellt gleichzeitig unsere Beitrittserklärung, als auch die erste Veröffentlichung zu unseren Zielen und Arbeitsweisen dar. Viel Spaß beim lesen!

Liebe Gefährt*innen,

wir als Initiative Anarchistische Bewegung Frankfurt (IABF) sind nun auch „offiziell“ Teil der Föderation – yeah! Die Überlegung, ob wir das überhaupt wollen, stand für uns jederzeit außer Frage, ist es doch gerade in den aktuellen Zeiten für anarchistische Zusammenhänge notwendig, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen – lokal, aber eben auch überregional. Da wir selbst aber noch in verschiedenen Aufbauprozessen stecken, war unsere erste Überlegung, mit diesem Schritt noch zu warten, bis wir unsere Arbeit als einigermaßen stabilisiert empfinden und unsere Grundsatzdiskussionen vorläufig abgeschlossen und veröffentlicht sind. In unseren täglichen Aktivitäten hat uns allerdings die Realität schnell überholt: Mit Blick auf unsere bisherige Beteiligung an Aktivitäten der Föderation und den regen Austausch, den wir seit einiger Zeit pflegen, haben wir uns entschieden, doch jetzt schon beizutreten. Während des letzten Treffens der Föderation wurden wir nun aufgenommen.

Als Organisierung befinden wir uns seit unserer Gründung im Februar 2018 hauptsächlich in Theorieproduktionen in Form von intensiven Grundsatzdiskussionen. Unter anderem arbeiten wir an einem lokalen Organisierungskonzept mit dem Fokus, auf eine gesunde und nachhaltige Weise mehr Menschen in anarchistischen Zusammenhängen zu organisieren. Wir können es uns schlicht nicht leisten, wie eine Art Durchlauferhitzer immer weiter zwar neue Leute zu gewinnen, diese aber auf absehbare Zeit entweder durch Überlastung und schlechte Kapazitätenverteilung zu verbrennen, oder sie unsere Strukturen frustriert wieder verlassen zu sehen. Wir als Initiative verstehen uns nicht mehr als die in unseren Kreisen übliche und oftmals isolierte politische Kleingruppe, sondern streben den Aufbau einer Form von Organisierung an, die wir derzeit Bewegungsplattform nennen – einen Bezug zum Plattformismus haben wir nicht, auch wenn der Name in die Irre führen kann. Von dieser ausgehend sollen sich zu gegebenem Anlass jeweils themenspezifische Gruppen ausgründen, die somit bereits von ihrem Beginn an gemeinsam in der Bewegungsplattform nach synthetischen Grundsätzen föderiert sind. Diese so entstehenden Gruppen erfüllen keinen reinen Selbstzweck, sondern sind ähnlich einem Instrument eines Werkzeugkasten auf reale Bedürfnisse zugeschnitten und werden nur so lange genutzt, wie Notwendigkeit dafür besteht. Das Ziel klingt mittelmäßig bescheiden: Unsere Arbeitsweise strebt die erneute Zusammenführung von Theorie und Praxis an, inklusive einer Erneuerung der anarchistischen Theorie, die in der gleichzeitigen Umsetzung wie auch Reflexion stetig weiterentwickelt werden muss. Da das für einen kleinen und marginalen Zusammenhang wie den unseren doch etwas größenwahnsinnig klingt ist klar: Ein Grund mehr sich zu föderieren, unsere Gedanken mit möglichst vielen Menschen zu teilen, zu leben, zu erweitern und gemeinsam an solidarischer Kritik zu wachsen.

In Bezug auf Habitus und Struktur arbeiten wir dabei einen Unterschied der aktuellen Szene(n) zu einer notwendigen, umfassenderen Bewegung heraus. Szene stellt für uns nach wie vor einen willkommenen und nötigen Schutzraum, aber nicht mehr unser politisches Aktionsfeld dar. Sobald wir glauben, ein Konzept in einer zu Diskussionen anregenden Form zu haben, werden wir unsere Ideen veröffentlichen. Ein Konzept für einen Ausweg aus der selbstverschuldeten Exklusivität als Szene und aus dem Verlust jeglichen Bezugs zu Prozessen mit tatsächlichen Möglichkeiten der Transformation, kurz: einen Ausweg hin zu einer schlagkräftigen anarchistischen Bewegung. Im Zusammenhang damit wollen wir dann auch unsere Gedankengänge und Hintergründe offenlegen. Sowohl zur Transparenz, damit Entscheidungen besser nachvollzogen werden können, aber natürlich auch, um unsere Gedanken durch Kritik und Vorschläge bereichern zu lassen und weiterentwickeln zu können. Wir wollen also ein Konzept formulieren, das Grundlage einer herrschaftsfreien Form von Gemeinschaft und Gesellschaft sein kann, wie wir sie bilden möchten und gleichzeitig – in der Konsequenz – die unserer Organisierung. Momentane Schwerpunkte sind dabei Entwürfe für ein Entscheidungsfindungskonzept und Möglichkeiten einer herrschaftsfreien Justiz, wobei wir für letzteres gängige Ansätze aus den Bereichen Community Accountability, Awareness, Safer Spaces, sowie Transformative und Restorative Justice einbeziehen.

Neben unserem temporären Schwerpunkt auf Theoriearbeit als zukünftige Grundlage unserer Praxis, haben wir uns außerdem hinreißen lassen, uns schon ins politischen Geschehen einzumischen. So haben wir uns anlassbezogen in den lokalen Stadtteilkämpfen eingebracht, während wir versucht haben ein eigenes anarchistisches Zentrum neu aufzubauen. Zwar war ein solches Zentrum nicht gerade ganz oben auf unserer Prioritätenliste, aber da sich eine außerordentlich gute Möglichkeit mit einem konkreten Objekt aufgetan hatte, konnten wir das natürlich nicht an uns vorbeiziehen lassen. In dieser Zeit haben wir einiges an Erfahrung gesammelt und viele Kontakte knüpfen können. Letztlich sind wir mit dem Versuch jedoch an Spekulation, Immobilienmarkt und den zuständigen Dezernaten der Stadt Frankfurt vorläufig gescheitert. Der Wunsch nach einem eigenen Zentrum lebt in einer gewissen Form weiter, da Kontinuität und Ansprechbarkeit Grundlage für unsere Organisierungskonzepte darstellen. Aktuell haben wir daher gemeinsam mit einem Umfeld anarchistischer Menschen ein wöchentliches anarchistisches Café im ExZess etabliert, welches nun bereits seit Oktober läuft. Neben dieser Veranstaltung, die wir derzeit „Schwarzer Sonntag“ nennen, bringen wir uns im ExZess auch an anderen Stellen ein, haben einen Teil auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten renoviert und gestalten den Raum mit. Zumindest übergangsweise haben wir damit also schon in Ansätzen ein anarchistisches Zentrum und werden auch von anderen Menschen im ExZess darin unterstützt.

Eine Organisierung in der Anarchistischen Föderation ergibt also bereits jetzt für uns Sinn, da wir auf diese Weise unsere Ideen und neue Konzepte mit weiteren Zusammenhängen vordiskutieren können, die uns inhaltlich nahestehen. Durch den Blick über unseren Erfahrungshorizont hinaus und auf die Situationen in anderen Städten erhoffen wir uns, dass unsere Überlegungen zu Organisierung noch etwas solider werden. Außerdem wissen wir so nun eine solidarische Struktur um uns herum, die uns im Zweifel unterstützt, wenn wir mit unseren lokalen Kämpfen an den Rand unserer Möglichkeiten kommen. Wir freuen uns auf die gemeinsame Arbeit mit den anderen Gruppen der Föderation und möchten gleich zu Beginn unserer Mitarbeit weitere Gruppen dazu ermutigen, sich einem solchen Zusammenschluss anzunähern. Denn nur gemeinsam können wir dieser Welt trotzen und sie zu einer schöneren für alle machen!

Freiheit & Glück, und auf all die kommenden Herausforderungen, die wir gemeinsam bestreiten werden –

Initiative Anarchistische Bewegung Frankfurt

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